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Drei Strommasten im Hintergrund Sonnenuntergang

Energieüberschuss: Was sind negative Strompreise?

Was sind negative Strompreise und wie kommt es überhaupt dazu, dass wir in so eine Situation geraten sind?

Ich beginne gerne mit ein paar Zahlen:
In diesem Jahr hatten wir bereits über 500 Stunden mit negativen Strompreisen. Das ist ein all time high. So viele gab es bis August eines Jahres noch nie. Das zeigt, wie aktuell und relevant das Thema ist.
Doch wie entstehen negative Strompreise?
Das hängt im Wesentlichen mit dem Verhältnis von Stromangebot und –nachfrage zusammen. Wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt, also mehr Strom produziert wird als verbraucht werden kann, entsteht ein Überangebot. In solchen Situationen kommt es häufig zu negativen Preisen – das bedeutet: Stromproduzenten zahlen dafür, dass jemand ihren Strom abnimmt.

Es gibt also zu viel Strom im Netz und es muss ein Verbraucher gefunden werden, dem man Geld zahlt, damit er den Strom nutzt.
Der Hintergrund ist, dass das Stromnetz in solchen Phasen oft unflexibel ist – insbesondere dann, wenn viel erneuerbare Energie eingespeist wird. Das führt kurzfristig zu einem Überangebot, auf das das Netz nicht schnell genug reagieren kann.

Deshalb braucht es finanzielle Anreize, damit Verbraucher ihren Stromverbrauch gezielt erhöhen.

Ich finde, das lässt sich gut mit dem Straßenverkehr vergleichen:
Plötzlich wollen alle gleichzeitig mit dem Auto auf die Straße und nach Hause fahren. Der Verkehr nimmt zu und um einen Stau und Verkehrschaos zu verhindern, werden Prämien gezahlt, damit die Fahrer die Straße möglichst schnell wieder verlassen oder gar nicht erst Auto fahren. Das heißt, in so einem Fall zahlt der Straßenbetreiber doppelt: einmal für den Bau der Straße und für die Instandhaltung. Das ist schon paradox.

Du hast vorhin schon erwähnt: Über 500 Stunden mit negativen Strompreisen – das ist wirklich eine Menge. Spannend ist, dass vor allem an sonnigen und windreichen Tagen diese Preise auftreten. Kannst du uns erklären, welche Rolle dabei die erneuerbaren Energien spielen?

Erneuerbare Energien sind stark wetterabhängig.
PV-Anlagen erzeugen besonders viel Strom, wenn die Sonne scheint – also vor allem im Sommer, wenn die Sonne hoch am Himmel steht.
Windkraftanlagen hingegen produzieren nur dann Strom, wenn der Wind weht – und dafür braucht es spezielle Wetterverhältnisse.

Das bedeutet: Unser Stromsystem ist mittlerweile sehr abhängig vom Wetter.
Und weil Wind- und Solaranlagen nicht bedarfsgeführt arbeiten, sondern Strom erzeugen, wenn die natürlichen Bedingungen es zulassen, kann es an Tagen mit viel Sonne und Wind zu einem großen Überangebot kommen.

Ein weiterer Punkt ist: Erneuerbare Energien haben gesetzlich Vorrang bei der Einspeisung. Das heißt: der Strom, der aus Wind und Sonne erzeugt wird, muss ins Netz eingespeist und abgenommen werden.
Konventionelle Kraftwerke müssen heruntergeregelt werden, um das auszugleichen.
Und genau das trägt dazu bei, dass es zu negativen Strompreisen kommt.

Ich denke, das ist auch einer der zentralen Knackpunkte der Energiewende – man könnte fast sagen, ein Konstruktionsfehler im System.
Denn aktuell laufen die erneuerbaren Anlagen einfach durch – auch bei Stromüberschüssen. Eigentlich wäre es sinnvoll, auch diese Anlagen in solchen Situationen abzuregeln – insbesondere die kleineren, die wir privat zum Beispiel auf den Hausdächern haben. Oder: Man müsste den überschüssigen Strom effizient speichern können.

Du hast gerade erzählt, dass konventionellen Kraftwerke bei einem Stromüberangebot heruntergefahren werden müssen. Jetzt frage ich mich: So eine Drosselung klingt doch ziemlich energieaufwendig und herausfordernd. Kannst du uns erklären, wie einfach oder schwierig es tatsächlich ist, solche Kraftwerke herunterzufahren, um sich an das Überangebot im Netz anzupassen?

Ich würde zunächst kurz definieren, was wir unter konventionellen Kraftwerken verstehen: Darunter fallen vor allem Kohlekraftwerke oder auch Erdgaskraftwerke, aber auch Atomkraftwerke. Das sind Anlagen, die fossile Energien nutzen beziehungsweise auch rund um die Uhr laufen können.

Diese Kraftwerke sind weder technisch noch wirtschaftlich darauf ausgelegt, ihre Leistung schnell zu reduzieren. Bleiben wir mal beim Beispiel Kohlekraftwerk: Das Hoch- und Runterfahren dauert oft viele Stunden, manchmal sogar Tage und ist mit hohen Kosten verbunden.
Das bedeutet: Selbst wenn zu viel Strom im Netz ist, laufen diese Kraftwerke oft weiter, was wiederum zu negativen Strompreisen beiträgt.

Ich möchte das mit einer Zahl verdeutlichen:
Mir hat mal ein Anlagenbetreiber von einem Kohlekraftwerk erzählt, dass allein für das Hochfahren von einem Kohlekraftwerk, also das Vorheizen von der Brennkammer 200.000 Liter Öl benötigt werden.
Das sind enorme Kosten – und wer zu Hause einen Kohlegrill hat, der kann das vielleicht nachvollziehen: Es dauert lange, bis der Grill auf Betriebstemperatur ist, und ebenso lange, bis er wieder abkühlt. Hinter solchen Prozessen stehen physikalische und thermische Prozesse, die man nicht einfach auf Knopfdruck beenden kann – zumindest nicht, ohne das Kraftwerk zu beschädigen.

Das Entstehen von diesem ganzen Phänomen klingt auf jeden Fall nach einem komplexen Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren. Wir haben über die erneuerbaren Energien gesprochen, über konventionelle Kraftwerke gesprochen – aber wir wissen auch, dass die Politik eine entscheidende Rolle spielt.
Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang zum Beispiel die feste Einspeisevergütung des EEGs, die Netzbetreiber zur Abnahme von erneuerbarem Strom verpflichtet?

Das spielt natürlich eine große Rolle.
Wir haben zwei Faktoren, die im Kontext erneuerbare Energien Gesetz (EEG) wichtig sind:

Der Vorrang der Einspeisung: Strom aus erneuerbaren Energien muss vom Netzbetreiber abgenommen werden – unabhängig davon, ob gerade ein Stromüberschuss besteht.
Die Feste Vergütung: Die Einspeisung wird über einen Zeitraum von 20 Jahren zu einem festgelegten Preis vergütet – und zwar unabhängig vom aktuellen Marktpreis.

Das bedeutet: Auch wenn zu viel Strom im Netz ist, wird weiter eingespeist – weil die Abnahme gesetzlich vorgeschrieben ist und die Vergütung gesichert ist. Und genau das kann negative Strompreise begünstigen, wie das Angebot den Bedarf deutlich übersteigt.

Und wer profitiert dann von den negativen Strompreisen? Und wer sind die Verlierer in diesem Szenario?

Profitieren tun vor allem diejenigen, die diese negativen Zeiten nutzen können. Also einfach die, die ihren Stromverbrauch flexibel steuern können.
Das sind zum Beispiel Großverbraucher aus der Industrie, die bestimmte Prozesse gezielt in Zeiten mit niedrigen Preisen legen.
Ein Beispiel: Unternehmen, die Druckluft benötigen, können diese in günstigen Phasen erzeugen und einspeichern – oder auch flüssigen Stickstoff produzieren, wenn die Strompreise besonders niedrig sind.

Aber auch private Haushalte können profitieren, beispielsweise durch das Laden ihres E-Autos zu Hause oder durch den Einsatz von Wärmepumpen. In Zeiten in denen die Preise günstige sind, macht man sich vielleicht das Warmwasser. So mach ich es beispielsweise auch privat bei mir. Ich habe eine Wärmepumpe und im Sommer lege ich natürlich die Warmwasserbereitung immer in die Zeiten, in denen die Sonne scheint, also während den Mittagszeiten. So wird das Warmwasser besonders günstig erzeugt.

Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Verlierer. Das sind vor allem die Betreiber von konventionellen Kraftwerken, die – wie wir besprochen haben – technisch und wirtschaftlich nicht flexibel reagieren können und auch bei niedrigen oder negativen Preisen weiter Strom produzieren müssen.

Eine weitere Gruppe sind Verbraucher mit Festpreistarifen. Sie bekommen von den Preisschwankungen am Markt gar nichts mit und können daher auch nicht von den günstigen oder negativen Preisen profitieren.

Und genau hier kommt eigentlich unser e.optimum Ansatz ins Spiel:
Wir kombinieren die verschiedenen Strategien in der Strombeschaffung miteinander. Zum einen nutzen wir den Spotmarkt, um direkt von niedrigen oder negativen Preisen zu profitieren.
Zum anderen integrieren wir aber auch mittel und langfristige Terminmarktprodukte, also Festpreisprodukte zu etwa 50%.
Das bedeutet: Unsere Kunden profitieren von günstigen Preisen, von den negativen Preisen, sind aber gleichzeitig durch die Festpreisanteile abgesichert – etwa in Zeiten von Dunkelflauten, wenn die Strompreise stark steigen.

Das klingt auf jeden Fall nach einer strategisch sinnvollen Beschaffung.

Um die Auswirkungen von negativen Strompreisen zu regulieren, hat die Politik Maßnahmen wie die Drei-Stunden-Regel und das Solarspitzengesetz eingeführt.
Kannst du uns genauer erklären, was es mit diesen Regelungen auf sich hat?

Ja, das ist ein erster Versuch PV-Anlagen gezielt abzuregeln, wenn die Strompreise negativ oder besonders niedrig sind, um das Überangebot im Netz nicht noch weiter zu schüren.
Die Drei Stunden Regel besagt grundsätzlich: wenn drei Stunden hintereinander die Preise an der Spotmarktbörse negativ sind, dann bekommt entfällt die EEG-Vergütung für diesen Zeitraum. Das setzt den Anreiz, die Anlagen in solchen Phasen abzuregeln und den Strom gar nicht erst zu erzeugen.
Ziel ist es, die Stromerzeugung zu flexibilisieren – also entweder die Produktion zu reduzieren oder den Strom zwischenzuspeichern, wenn er gerade nicht gebraucht wird.
So soll die Einspeisung von Solarstrom begrenzt werden, um eben eine Netzüberlastung zu verhindern.

Auf jeden Fall klingt es nach einem bedeutenden Schritt in die Richtung einer flexibleren Energienutzung. Welche Bedeutung haben denn negative Strompreise deiner Meinung nach für die Energiewende insgesamt?

Wir hatten es ja eingangs schon erwähnt:

Negative Strompreise sind eigentlich ein untypisches Phänomen beziehungsweise irgendwie auch paradox. Sie zeigen sehr deutlich, dass das Energiesystem mittlerweile an seine Grenzen stößt, einfach weil bestimmte Entwicklungen, die notwendig sind, noch hinterherhinken.
Da denke ich zum Beispiel an den Ausbau von Speichern. Gleichzeitig dominieren die erneuerbaren Energien unser Energiesystem immer stärker. Das wird in den nächsten Jahren auch eher noch zunehmen.

Negative Strompreise sind deshalb ein wichtiges Signal für einen notwendige Wandel – hin zu mehr Flexibilität, zu intelligenter Steuerung von Prozessen und Anlagen und eben zu marktorientieren Lösungen.

Also auf der einen Seite stehen die Herausforderungen, die mit negativen Strompreisen einhergehen. Aber auf der anderen Seite sehen wir auch Chancen, die sich daraus ergeben. Du hast eben schon angesprochen, was grundsätzlich benötigt wird.
Kannst du noch etwas genauer auf die Innovation oder Anpassungen eingehen, die du für notwendig hältst, damit die Stromabnehmer in Zukunft von den Preisen profitieren können?

Das mache ich sehr gerne.
Man muss sich vorstellen: die Stromerzeugung wird künftig immer stärker wetterabhängig sein.
Das heißt: Strom wird dann erzeugt, wenn der Wind weht und/oder die Sonne scheint. Deshalb muss der Verbrauch in diese Stunden verlagert werden, um ein effizientes und stabiles Stromsystem zu ermöglichen.

Dafür braucht es aus meiner Sicht vier zentrale Entwicklung:

  1. Smartmeter und intelligente Stromtarife
    Wir brauchen endlich eine flächendeckende Einführung von intelligenten Messsystemen – also Mart Metern. Damit können dynamische Stromtarife angeboten werden, die sich direkt am Börsenpreis orientieren. So können Endkunden 1:1 von niedrigen Börsenpreisen profitieren.
  2. Automatisiertes Lastmanagement
    Systeme, die den Verbrauch automatisch anpassen. Ist der Strompreis günstig, wird viel verbraucht, ist er hoch, wird weniger verbraucht.
    Ein Beispiel: Das Laden von E-Autos in günstigen Phasen.
    Im besten Fall bekommt man dafür sogar noch Geld, wenn ich das Auto volltanke.
  3. Stromspeicher
    Wir brauchen mehr Speicherkapazitäten, um Übercshüsse einspeichern zu können.
    Dabei gilt grundsätzlich: Effizienz vor Speicherung – also erst verbrauchen und dann speichern.
  4. Sektorkopplung
    Der Strom muss künftig auch in anderen Sektoren eine größere Rolle spielen – etwa in der Wärmeerzeugung oder im Mobilitätsbereich. So kann überschüssiger Strom sinnvoll genutzt werden.

Lieben dank Philipp! Ich glaub ich spreche für alle, wenn ich sage: Wir sind sehr gespannt, wie sich die Zukunft entwickeln wird.
Und damit kommen wir auch schon zu unserer abschließenden Frage:
was erwartest du in den kommenden Jahren in Bezug auf die Häufigkeit negativer Strompreise und welchen Einfluss wird das deiner Meinung nach auf die Energiebranche haben?

Wenn der Zubau von erneuerbaren Energien so weitergeht wie bisher, dann wird sich das Problem tendenziell verschärfen. Das heißt: wir werden künftig noch häufiger Stunden mit negativen Strompreisen erleben.

Dem entgegenwirken können im Grunde zwei zentrale Entwicklungen: Wir brauchen deutlich mehr Speicherkapazitäten, um die Überschüsse aus der Erzeugung einzuspeichern.

Und/oder es braucht mehr Flexibilität im Verbrauch. Also Verbraucher müssen die Möglichkeit haben, von negativen Strompreisen zu profitieren – etwa durch intelligente Messtechnik und flexibles Verbrauchsverhalten. Das bedeutet: Stromverbrauch sollte gezielt in die Stunden verlagert werden, in denen die Preise niedrig oder negativ sind.

Für die Energiebranche bedeutet das: Es entsteht ein zunehmender Druck zur Flexibilisierung. Neue Geschäftsmodelle entstehen und es wird Raum für innovative Akteure entstehen, die diese Marktchance erkennen und nutzen.

Mehr zum Thema finden Sie hier:

eoptimum.de/news/negative_strompreise_verstehen_und_nutzen

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