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Boris Käser, Vorstandsvorsitzender der e.optimum AG, und Sofia Grözinger von e.optimum AG
Boris Käser, Vorstandsvorsitzender der e.optimum AG, und Sofia Grözinger von e.optimum AG

Neues Gas – Neue Regeln: Das müssen Unternehmen wissen

Jetzt stellen Sie sich mal vor, einem ganzen Kontinent bricht die wichtigste Gasquelle weg. Genau das ist Europa vor etwa vier Jahren passiert. Russland war über Jahrzehnte hinweg die wichtigste Gasquelle für Deutschland – und für Europa. Und dann war das von heute auf morgen plötzlich Geschichte. Die ganze Gasversorgung musste quasi über Nacht umgestellt werden. Neue Lieferländer, neue LNG-Terminals, globale Handelsströme. Der Gasmarkt hat sich innerhalb von ein paar Jahren so stark verändert wie in den letzten Jahrzehnten nicht.

Dann ist natürlich klar, dass wir uns fragen: Ist unsere Energieversorgung heute wirklich sicherer geworden? Oder sind wir einfach nur anders abhängig als früher? Und was bedeutet das gerade für Unternehmen, die auf eine stabile Gasversorgung angewiesen sind? Genau darüber sprechen wir heute in einer weiteren Folge unseres e.talks.

Und wer kann uns diese Fragen besser beantworten als der Vorstandsvorsitzende der e.optimum AG, Boris Käser. Schön, dass du heute da bist.

Wenn wir uns die letzten Jahre anschauen: Was würdest du sagen, hat sich am Gasmarkt am stärksten verändert?

Der Gasmarkt ist nach der Energiekrise viel fragmentierter geworden. Wie du es eingangs schon erwähnt hast, waren wir jahrzehntelang fast zu 100 Prozent abhängig von Russland und auch von Norwegen und haben über Jahrzehnte hinweg billiges Gas über die Pipelines Nord Stream 1 und später Nord Stream 2 bekommen. Das hat sich von einem Moment auf den nächsten geändert. Im Jahr 2022 kam es zur Sprengung der Pipelines, und ab diesem Zeitpunkt musste sich Europa komplett neu organisieren.

Wie du gerade erwähnt hast: Viele verbinden den Wandel mit der Energiekrise 2022. Würdest du sagen, dass das wirklich der Wendepunkt war?

Grundsätzlich ja. Im Grunde muss man ein halbes Jahr zurückgehen. Eigentlich hat das Ganze schon im Sommer 2021 begonnen und ist mit dem Russland-Ukraine-Krieg ab Februar 2022 weiter eskaliert. Die Spitze wurde dann durch die Explosion der Nord Stream Pipelines erreicht.

Wie du es eingangs bereits erwähnt hast: Wir hingen Jahre, wenn nicht jahrzehntelang, an einer stabilen russischen Gaslieferung. Auch in Zeiten des Kalten Krieges war die Gasversorgung nie ein Problem. Aber mit der Explosion der Pipelines standen wir auf in Europa auf einmal sprichwörtlich mit heruntergelassenen Hosen da. Ab diesem Zeitpunkt hat sich Europa neu organisiert. Das ganze Geschäft ist wesentlich fragmentierter geworden. Wir beziehen momentan nahezu kein Gas mehr aus Russland, zumindest kein Pipeline-Gas. Es bestehen allerdings nach wie vor gewisse LNG-Liefermengen.

Heutzutage beziehen wir immer noch stabile Lieferungen über Pipelines aus Norwegen sowie Belgien und den Niederlanden. Des Weiteren erhalten wir LNG-Lieferungen aus zahlreichen weiteren Ländern weltweit.

Das bedeutet, dass wir heute nicht mehr so abhängig von einem einzelnen Land, aber dafür stärker mit dem Weltmarkt verbunden sind?

Auf jeden Fall. Wie ich es bereits gesagt hatte: Das ganze Geschäft ist wesentlich fragmentierter geworden. Damit aber auch komplexer und viel resilienter. Das heißt, wir hängen nicht mehr an einem einzelnen Lieferanten, sondern an zahlreichen. Wir haben eine diversifizierte Lieferantenstruktur mit unterschiedlichen Lieferländern, unterschiedlichen Vertragspartnern, unterschiedlichen Laufzeiten und unterschiedlichen Preisniveaus. Europa muss sich gegen Asien behaupten. Die USA orientieren sich an den Preisen und liefern an diejenigen, die die höheren Preise zahlen. Also nochmal: Die Energiekrise war die absolute Zäsur für die Gasbewirtschaftung.

Jetzt herrschte in den letzten Monaten der Konflikt im Nahen Osten und wir haben erlebt, dass unser System heutzutage immer noch sehr sensibel reagiert. Warum reagieren die Energiemärkte denn so?

Wenn man sich noch mal die Situation vor der Energiekrise zu Gemüte führt: Ich würde sagen, der Nahost-Konflikt hätte den europäischen Markt vor einigen Jahren gar nicht so sehr bewegt. Vor 2022 hatten wir verlässliche Lieferungen aus Russland und Norwegen.

Der USA-Iran-Konflikt führte dazu, dass eigentlich überschaubare Mengen am Weltmarkt durch die Straße von Hormus transportierter Öl- und Gaslieferungen betroffen waren. Aber es fand natürlich eine Kannibalisierung der Nachfrage statt. Die Liefermengen aus dem Mittleren Osten waren eher für die asiatischen Länder vorgesehen. Jetzt fehlen diese Mengen. Was machen die asiatischen Länder? Sie suchen sich andere Bezugsquellen. Das heißt, alle agieren auf dem gleichen Weltmarkt. Obwohl die Mengen gar nicht existenziell waren – am Ende des Tages ist es eine Frage von Angebot und Nachfrage. Wenn das Ausland mehr nachfragt und bereit ist, höhere Preise zu bezahlen, merken wir das in Europa natürlich auch.

Kannst du uns nochmals genauer erklären, welche Lieferländer für uns in Deutschland, in Europa oder auch in Asien relevant sind?

Wie ich es vorher schon erwähnt hatte, waren es früher überwiegend Russland in Verbindung mit Norwegen über Pipelines. Russland ist weggefallen, also beziehen wir momentan, speziell in Deutschland, die größte Menge an Gas direkt über Pipelines aus Norwegen. Auch das ist stabil und zuverlässig, durchaus mit geplanten Wartungsmaßnahmen im Sommer, wenn ein geringerer Gasbedarf besteht.

Russland wurde aber zu großen Teilen durch LNG-Lieferungen aus den USA ersetzt. Diese LNG-Lieferungen werden eigentlich in allen europäischen Ländern angelandet. Wir beziehen dann über Pipelines aus Belgien und den Niederlanden Gas, das ursprünglich als LNG nach Europa importiert wurde.

Darüber hinaus gibt es neben den USA noch andere LNG-Lieferländer. Perspektivisch sind das beispielsweise Argentinien oder auch Kanada. Mit diesem Land haben die größten Importeure Deutschlands, Uniper und SEFE bereits Lieferverträge abgeschlossen.

Und dann gibt es noch andere Länder, einige in Afrika, aber auch beispielsweise Australien. Und, wie wir schon mal besprochen hatten, auch Katar. Wobei der Mittlere Osten tendenziell eher nach China, beziehungsweise generell in den asiatischen Raum liefert.

Früher hatten wir einen Hauptlieferanten, der ist weggebrochen, jetzt sind wir breiter aufgestellt. Die Risiken sind ja nicht weg, die haben sich wahrscheinlich nur verändert, oder?

Klar, das ganze Geschäft ist mittlerweile viel fragmentierter, viel granularer. Jetzt haben wir keine Einlieferantenstrategie mehr, sondern Deutschland hast sich dazu entschlossen, sich breiter aufzustellen. Das macht das komplette System resilienter, aber auch eben komplexer.

Man muss sich heute aber auch die Frage stellen: Wer wäre denn seinerzeit vor der Energiekrise, vor Nord Stream, bereit gewesen, in eine LNG-Infrastruktur zu investieren, die es damals gar nicht gebraucht hätte?

Aber wenn man diversifizieren will und auf breiteren Beinen stehen will, dann muss man auch bereit sein, zumindest temporär, höhere Preise zu bezahlen, um in den Aufbau einer LNG-Infrastruktur sowie in die Anbahnung neuer Lieferverträge zu investieren.

Was haben diese ganzen veränderten Strukturen aus unternehmerischer Sicht ergeben?

Früher war das relativ einfach. Da haben die klassischen Gaskundinnen und -kunden einen Vertrag abgeschlossen. Der Preis war eigentlich sekundär, weil damals eine relativ geringe Volatilität bestand. Wir hatten jahrelang Preisniveaus für die reine Energielieferung. Bei Gas lag der Preis bei plus/minus zwei Cent. Im Corona-Zeitraum fiel er temporär, zumindest im Kurzfristbereich, auf einen halben Cent. Aber ansonsten hat er immer zwischen eineinhalb Cent und zweieinhalb Cent gependelt.

Dann hatten wir die Energiekrise. Zuerst 2022 und jetzt im Frühjahr bis in den Sommer hinein die Krise zwischen dem Iran, Israel und den USA. In Summe muss man feststellen: Der Markt ist viel volatiler geworden. Das heißt, jede geopolitische Spannung hat einen Einfluss auf die Gaspreise.

Ich erinnere auch an den Stau im Suezkanal, wo im Prinzip ein Tanker allein die komplette Weltwirtschaft ins Wanken gebracht hat – oder zumindest dafür gesorgt hat, dass für gut 30 Tage keine Waren mehr nach Europa geflossen sind.

Und genau auf diese Komplexität ist das strukturierte Beschaffungsmodell der e.optimum ausgelegt. Kannst du uns das anhand eines Beispiels genauer erklären?

Klar, ich will vielleicht noch vorwegschicken: Dadurch, dass das gesamte System viel komplexer geworden ist, muss sich der einzelne Entscheider oder die einzelne Entscheiderin im Gewerbeumfeld mit viel mehr Themen auseinandersetzen. Ich wage auch zu behaupten, dass viele nicht die Zeit und vielleicht auch nicht die Muße dafür haben.

Deswegen haben wir uns mit unserem Portfoliomanagement-Team breit aufgestellt und beobachten alle Märkte, alle Vorlieferanten, alle Lieferländer und alle Entwicklungen. Wir haben Nachrichtendienste abonniert – Bloomberg, Reuters etc. – und sind so nah am Puls der Zeit.

Unsere Strom- und Gasbeschaffung ist eine Mischung aus kurzfristiger Beschaffung und einer Absicherung am langfristigen und mittelfristigen Terminmarkt. Das heißt, wir beobachten die geopolitischen Spannungen und planen entsprechend, sodass wir gewisse Liefermengen bereits vorab am Terminmarkt abgesichert, also gehedgt, haben.

Wir lassen aber bewusst auch Positionen, also Mengen, in den einzelnen Monaten offen, weil wir uns auch des günstigeren Spotmarktes bedienen. Sofern sich hier relevante Preisentwicklungen ergeben, passen wir unsere Strategie an.

Geht der Preis nach unten, beschaffen wir nicht notwendigerweise sofort. Wenn es jedoch eine Preiskorrektur nach oben gibt, beschaffen wir die aufgelaufenen Mengen dann auf einen Schlag und haben uns damit das niedrige Preisniveau gesichert.

Und Welche Vorteile ergeben sich daraus konkret?

Wir haben eine gemittelte Beschaffung aus Spot- und Terminmarkt. Auch die Terminmarktprodukte, die wir beschaffen, beschaffen wir nicht zu einem Zeitpunkt, sondern zu verschiedenen Zeitpunkten. Die kurzfristige Beschaffung von Gas ist ein 365-Tage-Thema im Jahr.

Wie eben erwähnt, machen wir die Terminmarktbeschaffung nicht auf einen Schlag, wie das beim klassischen Festpreis der Fall ist, sondern auch dort beschaffen wir nach und nach Tranchen und nehmen dann im Prinzip immer die günstigten Preise mit.

Kannst du das jetzt einfach noch mal kurz zusammenfassen?

Ich würde behaupten, bei uns gilt der Slogan „Ratio schlägt Bauchgefühl“. Wir gehen an die Sache vernünftig ran und lassen uns eben nicht emotional lenken. Und im Zweifel, bei entsprechenden Preisentwicklungen, entscheiden wir uns dann lieber für den Spatz in der Hand als für die Taube auf dem Dach.

Und welche Vorteile ergeben sich für eure Kundinnen und Kunden?

Ich würde es mit drei folgenden Punkten zusammenfassen:

  1. kontinuierliche Absicherung
  2. Reduzierung von Risiken
  3. Wahrung von Chancen am kurzfristigen Spotmarkt

Das, würde ich sagen, sind die drei Argumente, die für unsere Beschaffung sprechen.

Spannend, weil man das im Prinzip mit der Kapitalmarktanlage vergleichen kann.

Absolut. Am Ende des Tages ist das Energiehandelsgeschäft auch nichts anderes als ein Geschäft am Kapitalmarkt, weil wir hier mit ganz großen Mengen hantieren.

Ich möchte es mal an einem Beispiel verdeutlichen. Stell dir vor, du gewinnst morgen fünf Millionen Euro im Lotto. Ich gehe davon aus, dass du nicht übermorgen fünf Millionen Euro auf eine einzelne Aktie setzen würdest.

Also gehst du auch nicht ins Casino und setzt alles auf eine Zahl beim Roulette, sondern du wirst hingehen und dir überlegen: Was mache ich denn damit?

Dann packst du vielleicht eine Million aufs Tagesgeldkonto, das kurzfristig verfügbar ist. Zwei Millionen investierst du in unterschiedlichste Aktientitel, von denen du überzeugt bist. Eine Million investierst du vielleicht in eine Immobilie oder ein Grundstück, eine weitere halbe Million vielleicht in ein Stückchen Wald und mit dem Rest gönnst du dir vielleicht ein neues Fahrzeug.

Das heißt, du diversifizierst dein Geld – über unterschiedliche Anlageformen und über unterschiedliche Zeiträume. Das bedeutet auch, dass du nicht alles nächste Woche investieren wirst, sondern günstige Zeitpunkte nutzt, um entsprechende Entscheidungen zu treffen.

Und genau so funktioniert unsere strukturierte Beschaffung.

Lass uns zum Abschluss nochmals den Bogen zum Gasmarkt spannen: Wenn wir in die Zukunft schauen, was würdest du sagen, erwartet uns in den kommenden Jahren?

Ich glaube mittel- bis langfristig, zumindest sofern und sobald sich die Lage im Mittleren Osten einigermaßen beruhigt hat, gehe ich davon aus, dass wir eine Gasschwemme in Europa sehen werden.

Das hängt zum einen damit zusammen, dass Gas immer liquider gehandelt wird. Das heißt, es ist ausreichend Gas vorhanden, insbesondere LNG. Das bedeutet, das Angebot wird signifikant steigen.

Wenn man jetzt speziell nach Deutschland und nach Europa schaut, gibt es Klimavorgaben, die besagen: raus aus den fossilen Energieträgern. Das heißt, auf der anderen Seite wird die Nachfrage kontinuierlich zurückgehen. Dementsprechend wird ein hohes Angebot auf eine immer geringere Nachfrage treffen.

Das heißt, in der Konsequenz ist davon auszugehen, dass wir perspektivisch – und da rede ich jetzt über den Zeitraum von den nächsten 18 Monate bis 2030 –  von sinkenden Gaspreisen ausgehen können.

Wobei sich „billigere Gaspreise“ nur auf den Energieanteil beziehen. Netzentgelte, Steuern, Abgaben, Umlagen und der CO2-Preis sind davon außen vor.

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