Kommende Entlastungen für Deutschland

Experten-Interview mit Philipp Huber

Mit Hinblick auf die turbulenten Ereignisse der letzten Monate hat die Bundesregierung bereits viele umfangreiche Entlastungspakete auf den Weg gebracht – insgesamt in einer Höhe von mehr als 95 Milliarden Euro plus zusätzlichem Abwehrschirm über 200 Milliarden Euro zur Dämpfung der Energiekosten. Ziel ist es, Bürgerinnen und Bürger in dieser Zeit zu unterstützen und in den Unternehmen die Arbeitsplätze zu sichern. Mit den Entlastungen werden verschiedene Bereiche in den Blick genommen, wir beschäftigen uns in diesem Beitrag jedoch ausschließlich mit dem Bereich Energie. Wir gehen auf die Ereignisse der letzten Wochen an den Energiemärkten ein und sprechen über die anstehenden staatlichen Entlastungen. Hierzu im Folgenden unser Energie-Experte Philipp Huber im Interview.

Steigen wir zunächst mit einem Überblick ein: Wie sieht es aktuell an den Energiemärkten aus und was hat sich in den letzten Wochen getan?

Die letzten Wochen waren sehr ereignisreich. Erfreulicherweise sind die Börsenpreise sowohl beim Strom als auch beim Gas im Laufe des Oktobers und auch im November stark gefallen. Das hatte mehrere Gründe: Es war sehr mild, wir hatten den wärmsten Oktober seit 40 Jahren. Und auch die Gewerbe- und Industriebetriebe haben deutlich Gas gespart. Das hat dazu geführt, dass wir für einen kurzen Moment tatsächlich sehr gut mit Gas versorgt waren und die Preise dadurch gefallen sind. Das Ganze dreht sich leider im Moment wieder: Der Dezember soll jetzt doch deutlich kühler werden, die milde Witterung ist also erstmal vorbei. Zusätzlich soll auch weniger Winderzeugung in den nächsten Tagen und Wochen zur Verfügung stehen, das ist leider ein großes Thema. Und last but not least hat Russland damit gedroht, die letzten Gaslieferungen, die über die Ukraine nach Europa kommen, eventuell auch noch zu kappen. Das hat den Markt stark verunsichert und die Preise sind deshalb auch wieder stark angezogen.

Hier könnten ja dann die bereits erwähnten staatlichen Entlastungspakete greifen. Welche Maßnahmen der Bundesregierung gibt es denn im Bereich Energie?

Genau. Klar ist auf jeden Fall, dass sowohl die Privathaushalte als auch Gewerbe und Industrie eine Entlastung bei den Energiekosten brauchen. Hier hat die Bundesregierung auch schon zwei Pakete auf den Weg gebracht. Zum einen das große Paket im nächsten Jahr, die sogenannte Strom- und Gaspreisbremse, die ab Januar 2023 greifen soll. Wobei sie zwar erst im März sozusagen „aktiviert“ wird, aber dann rückwirkend für die zwei Monate zuvor ebenfalls greift. Zum anderen sollen kurzfristig im Dezember 2022 die Abschlagszahlungen für Gas bei Haushaltskunden, also bei sogenannten SLP-Zählern, vom Staat übernommen werden.

Die sogenannte Soforthilfe für Gaskunden im Dezember steht also als nächstes an. Wie genau funktioniert diese Einmalzahlung?

Richtig, ich habe es gerade schon teilweise erwähnt. Es betrifft nur Gas-Abnahmestellen und auch dort nur die sogenannten SLP- bzw. „Haushaltszähler“, welche ungefähr bis 1,5 Millionen Kilowattstunden gehen. Nur diese kommen in den Genuss der Soforthilfe. Der Staat übernimmt eben hier die Abschlagszahlung im Dezember. Das heißt: Wir von e.optimum ziehen als Energieversorger bei diesen Gaskunden keine Abschlagszahlung für den Monat Dezember ein, sofern ein Lastschriftmandat vorliegt. Kunden, die entweder einen Dauerauftrag haben oder selbstständig den Abschlag bezahlen, bitten wir, die Abschlagszahlung im Dezember nicht zu veranlassen.

Als Selbstzahler muss man hier also zum Beispiel aktiv werden. Müssen Gaskunden denn auch etwas tun, um die Soforthilfe zu erhalten oder überhaupt berechtigt zu sein?

Die angesprochenen SLP-Zähler sind automatisch berechtigt und müssen nichts weiter unternehmen. Es gibt noch ein paar Ausnahmen, da ist das Gesetz relativ komplex. Und auch gerade bei größeren Abnahmestellen mit mehr als 1,5 Millionen Kilowattstunden, die sogenannten RLM-Abnahmestellen, gibt es einzelne Kategorien, die in den Genuss der Soforthilfe kommen. Ich nenne mal ein paar wenige, das Ganze ist auch nachzulesen in Paragraf 2 im Erdgas-Wärme-Soforthilfegesetz: Beispielsweise Firmen, die sich um Vermietung von Wohnraum kümmern oder zugelassene Pflege-, Fürsorge- und Rehabilitationseinrichtungen. Wichtig bei diesen Ausnahmen ist jedoch zu beachten, dass die Berechtigung bei dem entsprechenden Energieversorger bis 31.12.2022 in Textform inklusive gültigem Nachweis angemeldet werden muss.

Bei der Soforthilfe geht es ja um recht viel Geld. Wie wird diese finanziert?

Der Bund erstattet Energielieferanten, wie beispielsweise e.optimum, und auch Wärmeversorgungsunternehmen für die Fernwärme, die ausbleibenden Zahlungen und finanziert somit diese einmalige Entlastung im Dezember. Im Kern soll diese Soforthilfe eine finanzielle Brücke sein, bis dann eben im nächsten Jahr die angesprochene Gaspreisbremse greift. Insgesamt wird durch die Entlastungen ein höherer, einstelliger Milliarden-Betrag fällig, für den der Staat einspringt. Die Finanzierung wird hauptsächlich aus dem neu ausgerichteten Wirtschaftsstabilisierungsfond erfolgen.

Du hast eben bereits erwähnt, dass es auch im neuen Jahr spürbare Entlastungen geben soll. Was bedeutet die Einführung der Strom- und Gaspreisbremse für Verbraucher?

Das ist aus meiner Sicht tatsächlich eine sehr weitreichende Maßnahme, die der Bund da auf den Weg bringt. Am 16. Dezember 2022 findet die letzte Sitzung im Bundesrat statt, wo das dann hoffentlich beschlossen wird. Wie bereits erwähnt, sollen laut den aktuellen Planungen ab März 2023, dann aber auch rückwirkend für Januar und Februar, die Energiekosten für Privathaushalte und auch Gewerbe- und Industriebetriebe in Teilen staatlich übernommen werden. Man könnte im Prinzip sagen, ein Teil der Energiekosten wird gedeckelt und der Staat gleicht den Differenzbetrag dann aus. Und ein kleiner Rest muss dann letztlich noch zu Marktpreisen beschafft werden.

Ich mache es mal konkreter: Im Gesetz ist für Strom der Grenzwert 30.000 Kilowattstunden pro Abnahmestelle genannt. Das sind dann auch wieder die sogenannten SLP-Zähler. Hier sollen die Energiekosten brutto – also inklusive allen Steuern, Abgaben, Umlagen – auf 40 Cent pro Kilowattstunde gedeckelt werden. Das heißt, alles was darüber hinausgeht, wird dann vom Staat übernommen. Das gilt aber nur für 80 Prozent des Vorjahresverbrauchs – 20 Prozent müssen dann weiterhin eben zum Marktpreis gekauft und bezahlt werden. Bei größeren Betrieben mit Verbräuchen über 40.000 Kilowattstunden sind die Grenzwerte etwas anders. Dort ist die Menge auf 70 Prozent des Vorjahresverbrauchs begrenzt und das Gewerbe- oder Industrieunternehmen muss dann 13 Cent pro Kilowattstunde bezahlen. Aber Vorsicht: Hier ist von Nettopreisen die Rede, also ohne Steuern, Abgaben und Umlagen. Auch hier wird alles, was zwischen den realen Einkaufs- bzw. Beschaffungskosten und dem Betrag, der abgerechnet wird, liegt, vom Staat übernommen.

Beim Gas wird das äquivalent funktionieren. Hier soll auf 12 Cent brutto pro Kilowattstunde für SLP-Zähler gedeckelt werden, bei RLM-Zählern auf 7 Cent netto pro Kilowattstunde.

Die Aufrufe zum Energiesparen waren berechtigterweise die letzten Wochen immer noch groß. In der Diskussion rund um die Preisbremsen wurden Befürchtungen laut, dass der Anreiz zum Sparen verloren gehen könnte. Lohnt es sich denn, weiterhin Energie einzusparen?

Ja, absolut! Es ist unbedingt notwendig, dass wir über den Winter unseren Energieverbrauch so gut es geht reduzieren – einfach damit wir nicht in Knappheit und wieder sehr teure Markpreise geraten. Abgesehen davon macht es zudem vollkommen Sinn, weil die angesprochenen Begrenzungen auf 80 oder eben 70 Prozent des Vorjahresverbrauchs dafür sorgen, dass wir die verbleibenden Prozente immer noch zu Marktpreisen einkaufen müssen. Aktuell liegt der Marktpreis für Strom im nächsten Jahr irgendwo bei 38 Cent netto pro Kilowattstunde. Das ist ja eine große Differenz zu den 13 Cent, ab denen der Deckel greift. Deshalb ist es sehr sinnvoll, diese verbleibenden Prozente einzusparen. Damit sorgt man dafür, dass insgesamt weniger Energie in Deutschland verbraucht wird, wir weniger benötigen und die Nachfrage zurückgeht. Gleichzeitig kann ich natürlich hier auch dem Geldbeutel etwas Gutes tun.

Das klingt ja erst mal super mit den Entlastungen für die Verbraucher und auch, dass der Anreiz zum Sparen erhalten bleibt. Gibt es vielleicht aber auch Nachteile der Preisbremsen?

Ich denke, dass wir uns alle einig sind, dass es notwendig ist, so eine Maßnahme einzuführen. Es gibt aber auch natürlich Nachteile. Der größte Nachteil in meinen Augen ist, dass die Bundesregierung für dieses ganze Paket mit zusätzlichen Kostenausgaben bis zu 200 Milliarden Euro plant. Diese müssen natürlich von der Bevölkerung, von den zukünftigen Steuerzahlern, getragen werden.

Gib uns doch mit Blick zum Jahresende und zum Abschluss dieser Folge noch Deine Einschätzung: Wie geht es am Energiemarkt weiter?

Da wird der Wetterverlauf im Winter ganz entscheidend sein. Der Winter wird herausfordernd, das ist klar. Wir sind gut gerüstet, die Gasspeicher sind aktuell immer noch sehr, sehr gut gefüllt – tagesaktuell um die 96 Prozent in Deutschland. Das ist sehr viel. Norwegen liefert uns über Pipelines Gas auf Rekordniveau und auch Flüssiggas per Schiff, welches hauptsächlich aus Amerika kommt. Die Versorgungslage ist also an sich sehr gut – mal abgesehen davon, dass wir aus Russland gar kein Pipeline-Gas mehr direkt nach Deutschland bekommen. Das heißt, das russische Gas fehlt. Was hier jetzt ganz wichtig sein wird, ist wie schon erwähnt der Temperaturverlauf im Winter. Jetzt soll es die nächsten zwei Wochen deutlich kühler werden, das bedeutet, es wird auch mehr Gas zum Heizen benötigt. Auch die Speicher werden dann also stärker entleert werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Frage, wieviel denn in Deutschland durch die Unternehmen und Haushalte eingespart wird. Im Oktober und November haben wir gesehen, dass die Industrie bereit zum Gassparen ist. Bei den SLP-Zählern, also den Haushaltskunden, sagt uns zumindest die Datenlage, dass die Bereitschaft zum mehr Einsparen noch nicht so ganz da ist. Ich bin gespannt, was uns da im Winter erwartet. Das schlimmste Szenario wäre, dass wir aufgrund der Kälte und wenig Einsparungen im Februar schon leere Gasspeicher haben. Das ist aber sehr unwahrscheinlich. Im besten Fall haben wir Ende März noch einen Gasspeicherfüllstand von ungefähr 40 Prozent oder mehr. Dann wäre natürlich das Einspeichern über den Sommer deutlich einfacher und in logischer Konsequenz die Preise auch wieder niedriger. Nächstes Jahr müssen wir allerdings die Speicher ohne russisches Gas befüllen. Das hatten wir dieses Jahr immerhin noch zur Verfügung. Es wird also schon ein Kraftakt.
Ich habe hier nun konkret die Entwicklungen am Gas skizziert, das gilt aber natürlich 1:1 auch für die Strompreisentwicklung, da im Moment vor allem die Gaskraftwerke auch hier preissetzend sind. Da gibt es noch einen interessanten Fakt zum Strom: Frankreich tut sich derzeit sehr schwer mit der Kernkraft. Aktuell sind sehr, sehr viele Kernkraftwerke in Frankreich nicht einsatzbereit. Das Schöne am Energiemarkt in Europa ist, dass dieser sehr solidarisch ist. Wir unterstützen Frankreich mit Strom und im Gegenzug bekommen wir von Frankreich Gas über Pipelines. Die haben ja viele Flüssiggas-Anlandeterminals. Das ist ein Austausch und das finde ich sehr schön. Trotzdem sind die Kernkraftwerke essenziell wichtig, weil in Frankreich viel mit Strom geheizt wird. Wenn die natürlich jetzt dann weniger produzieren können, dann ist einfach das Angebot sehr gering bei hoher Nachfrage. Wenn es dann noch kalt wird, haben wir richtig Probleme. Dann können sogar im schlimmsten Fall temporär Engpässe auftreten. Also auch hier wieder der Punkt: Entscheidend wird maßgeblich der Verlauf des Winters sein. Und derzeit sieht es für den Dezember nach einem normalkalten Winter aus, wobei es die nächsten Tage jetzt etwas kühler werden soll. Aber die Prognosen, auch in das neue Jahr hinein, sind aktuell gut. Das spricht dafür, dass wir bei den Gasspeichern eben nicht in dieses Szenario reinlaufen, dass diese sehr leer sein werden. Das sagen uns zumindest die aktuellsten Prognosen.

Es bleibt auf jeden Fall weiterhin spannend an den Energiemärkten. Die kommenden Entlastungen, aber auch Deine Ausführungen mit diesem abschließenden Ausblick geben zumindest einen kleinen Lichtblick. Bleiben wir alle gemeinsam zuversichtlich. Philipp, vielen Dank für Deine Einschätzungen und danke, dass Du da warst.

Ich danke auch!

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